Vision Weinviertel – Q3 & Q4 / 2018

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Untersuchung des Lukanischen Doppelwerks zur Geisterfüllung

Jedes Wort und seine Verwendung in einer bestimmten Zeit, Kultur und Sprache hat nicht nur eine grundlegende und ursprüngliche Bedeutung, sondern wird auch in einem Zusammenhang verwendet. Wollen wir nun einen bestimmten Ausdruck innerhalb eines literarischen Werks richtig verstehen, dürfen wir nicht nur auf dessen grundlegende Bedeutung und den Zusammenhang achten, sondern auch darauf, welche Person diesen Ausdruck in welchem Zusammenhang verwendet. Lukas unterlag, als er die Worte „erfüllt werden“ im Bezug auf den Heiligen Geist verwendete, einem bestimmten Verständnis und einem Interesse, welches er verfolgte. Die Frage ist demnach nicht nur was diese Worte bedeuten, sondern vor allem: Was bedeuteten diese Worte für Lukas und mit welcher Absicht verwendete er diese? Hierauf gilt es eine Antwort zu finden. Im Folgenden soll die Verwendung der Worte „mit Heiligem Geist erfüllt werden“ bei Lukas untersucht und unter Berücksichtigung der Zusammenhänge an verschiedenen Textstellen der Apg und auch des Lk geklärt werden.

Zunächst soll das gesamte uns überlieferte Werk von Lukas auf das Vorkommen von Worten, die in deutschen Übersetzungen [1] mit einer Form von „erfüllen“ wiedergegeben werden, untersucht werden. An Textstellen in denen diese Worte vorkommen, werden im Griechischen mehrere verschiedene Worte gebraucht. Folgende werden im Lk und in der Apg mit einer Form von „erfüllen“ übersetzt: [2]

πιμπλημι (erfüllen, anfüllen, voll machen):

Im Lukasevangelium:

1,15.41.67: mit Heiligem Geist erfüllt werden/sein.

2,6: Tage wurden erfüllt.

4,28; 5,26; 6,11: Menschen wurden mit Wut, Furcht oder Unverstand erfüllt.

5,7: Boote wurden mit Wasser gefüllt.

21,22: Was geschrieben steht, wird erfüllt.

In der Apostelgeschichte:

2,4; 4,8.31; 9,17; 13,9: Mit Heiligem Geist erfüllt werden/sein.

1,16: Die Schrift wurde erfüllt.

3,10; 5,17; 13,45: Menschen wurden mit Verwunderung, Erstaunen oder Eifersucht erfüllt.

19,29: Eine Stadt wurde mit Verwirrung erfüllt (Schneider 1992: 207).

πληροω (füllen, erfüllen, verwirklichen, zum Abschluss kommen):

Im Lukasevangelium:

2,40: Erfüllt mit Weisheit und Gottes Gnade.

4,21; 24,44: Die Schrift wird/wurde erfüllt.

21,24: Zeiten müssen erfüllt werden.

22,16: Das Passahmahl muss erfüllt werden.

In der Apostelgeschichte:

2,2: Ein gewaltiger Wind (Brausen) erfüllte ein ganzes Haus.

3,18: Was von Propheten vorhergesagt wurde, wurde erfüllt.

5,3: Der Satan hat das Herz des Hananias erfüllt.

5,28: Jerusalem wurde von der Lehre der Apostel erfüllt.

7,23.30; 24,27: Eine Zeit von 40 Jahren und von zwei Jahren wurde erfüllt.

12,25; 14,26: Ein Dienst und ein Werk wurde erfüllt.

13,27: Die Propheten wurden erfüllt.

13,33 (mit Präfix εκ): Gottes Verheißung wurde erfüllt.

13,52: Jünger wurden mit Freude und Heiligem Geist erfüllt.

τελεω (beenden, vollenden, erfüllen):

Im Lk und der Apg kommt dieses Wort 5 mal vor. Doch es wird ausschließlich im Zusammenhang mit Dingen, die zum Abschluss kommen sollen oder gekommen sind, verwendet (Lk 2,39; 12,50; 18,31; 22,37; Apg 13,29). In Lk 22,37 wird berichtet, dass Jesus kurz vor seiner Gefangennahme zu seinen Jüngern gesagt hat, dass etwas das über ihn geschrieben steht, erfüllt werden muss. Dies ist jedoch die einzige Stelle an der dieses Wort im Deutschen mit „erfüllt“ wiedergegeben wird. Die Verwendung dieses Wortes ist also der Verwendung von πληροω in Lk 4,21; 24,44 oder Apg 3,18 und der Verwendung von πιμπλημι in Lk 21,22 sehr ähnlich. Es gibt hier aber keinen Zusammenhang mit dem Heiligen Geist (Schneider 1992: 830).

γινομαι (werden, geschehen, entstehen):

Dieses Wort gehört mit 667 Vorkommen zu den meist verwendeten Verben im Neuen Testament. Es wird überwiegend dazu verwendet um Dinge zu beschreiben, die sich ereignen, die entstehen oder gemacht werden (Schneider 1992: 594). Eines von vielen Beispielen die das Lk bietet, lesen wir in 5,17: „Und es geschah während einem der Tage…“). Mit „erfüllt“ wird dieses Wort bei Lukas jedoch nur in Lk 23,24 wiedergegeben: „Pilatus entschied, dass ihre Forderung erfüllt werde“. Im Zusammenhang mit dem Heiligen Geist verwendet er es aber an keiner Stelle.

Das Ergebnis:

Entscheidend für diese Untersuchung sind nur jene dieser Worte, die Lukas im Zusammenhang mit dem Heiligen Geist verwendet. Bis auf eine Ausnahme in Apg 13,52 wird, in Verbindung mit dem Heiligen Geist, ausschließlich das Wort πιμπλημι gebraucht. πληροω und all seine Konjugationen werden von Lukas in Bezug auf Dinge verwendet, die zum Abschluss kommen und für die das Verstreichen einer gewissen Zeit notwendig war (z.B.: Lk 4,21; Apg 3,18) oder er verwendet sie in einem räumlichen Sinn [3], wie z.B. das Erfüllen Jerusalems mit der Lehre der Apostel (Apg 5,28) oder das Erfüllen eines Hauses mit einem Brausen (Apg 2,2). Die erste Verwendung dieses Wortes ist bei Lukas allerdings die häufigere oder üblichere. Man kann sagen, dass er es überwiegend in einem theologischen Sinn verwendet. In diesem Bezug betont Lukas, bis auf wenige Ausnahmen (z.B.: Apg 12,25), die göttlich-prophetische Dimension von Geschehnissen (Kittel 1990: 293ff). Auch πιμπλημι wird an einigen Stellen in diesem Zusammenhang gebraucht (Lk 21,22; Apg 1,16). Im Gegensatz zu πληροω benutzt Lukas dieses jedoch fast ausschließlich im räumlichen Sinn: Boote wurden mit Wasser gefüllt (Lk 5,7), eine Stadt wurde mit Verwirrung erfüllt (Apg 19,29), Menschen wurden mit Verwunderung und Erstaunen (3,10), mit Eifersucht (5,17), mit Wut (Lk 4,28), mit Furcht (5,26) oder eben mit Heiligem Geist erfüllt (1,15.41.67; Apg 2,4; 4,8.31;…) (Schneider 1992: 207; Kittel 1990: 129f).

Was verbindet Lukas mit diesen Worten?

Wenn wir bei Lukas also die Worte „und alle wurden mit Heiligem Geist erfüllt“ lesen, dann versteht er darunter offensichtlich das Eindringen des Heiligen Geistes in die Person eines Menschen und zwar in gleicher Weise, wie Menschen plötzlich von Wut oder Furcht erfüllt werden. Der Unterschied liegt jedoch in der Ursache und der Wirkung. Es handelt sich dabei nicht nur um einen Gemütszustand, der auf äußere Umstände zurückzuführen ist. Die Erfüllung mit dem Heiligen Geist ist ein Handeln Gottes, das auf den Wunsch (Gebet) eines Menschen folgt und die Wirkung ist eine, die auf den Willen Gottes für seine Jünger zurückzuführen ist (Erbauung und Mission). Lukas stellt die Geisterfüllung allerdings durchgehend in Verbindung mit sichtbaren Auswirkungen dar. Dies scheint sein Hauptinteresse in allen Ausführungen zu sein. Folgende vier Thesen können, meiner Meinung nach, über die Darstellung des Lukas bezüglich der Erfüllung mit dem Heiligen Geist aufgestellt werden:

1. Die Erfüllung mit dem Heiligen Geist dient zur Ausrüstung und Erbauung der Gläubigen.

2. Lukas ist in seinen Darstellungen in erster Linie an der äußerlichen, sichtbaren (evtl. spektakulären) Seite der Geisterfüllung interessiert. (Zieht man Paulus zum Vergleich heran tritt diese Eigenart des Lukas stärker hervor).

3. Die Erfüllung mit dem Heiligen Geist ist nicht das Gleiche wie die Bekehrung, aber sie ist für Menschen da, die eine solche (Buße) durchgemacht haben.

4. Für die Erfüllung mit dem Heiligen Geist gibt es ein erstes Mal. Sie kann jedoch öfters stattfinden.

Das Neue Testament gibt uns ein einheitliches Zeugnis darüber, dass der Heilige Geist vom Zeitpunkt der Bekehrung an in jedem Christen wohnt (Röm 5,5; 8,9; 1Kor 3,16; 2Kor 5,5; Gal 4,6; 1Joh 2,20.27; 3,24). Eine andere Bezeichnung dafür ist die Wiedergeburt und die damit eintretende μετανοια (Umkehr, Sinnesänderung), diese ist ein einmaliges Erlebnis. Der von diesem Zeitpunkt an im Christen wohnende Geist ist es, der ihm die Gewissheit des Heils und des ewigen Lebens, ein Gerechtigkeitsbewusstsein, die Liebe zu Gott und zum Nächsten, usw. gibt. Vom „erfüllt werden“ mit dem Heiligen Geist gibt uns die Apg jedoch ein anderes Zeugnis: In Apg 2,38 sagt Petrus den Menschen folgendes: „Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung [4] eurer Sünden! Und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen.“ Für die Aussage „und ihr werdet“ wird auch im Griechischen das Futur verwendet (και λημψεσθε), was einen undefinierten aber vorhandenen zeitlichen Abstand nahe legt. Lukas berichtet von Jüngern, die die erstmalige Erfüllung mit dem Heiligen Geist unmittelbar nach ihrer Bekehrung erlebt haben (Apg 9,17f; 10,44f), als auch von solchen, bei denen es noch etwas gedauert hat (8,14ff; 13,43.48.52; 19,1ff). [5] Darum kann als Vorraussetzung für das erstmalige Empfangen des Geistes – nach dem Zeugnis der Apg – die Bekehrung (Pesch 1986: 125) und die Kenntnis über ihn (und das Wollen) angesehen werden. Eine Ausnahme stellt vielleicht 10,44 dar. Der Heilige Geist fiel auf die Zuhörer, obwohl Petrus ihn noch nicht einmal erwähnt hat. Dies kann jedoch als ein Handeln Gottes angesehen werden, das dazu führen sollte, den Juden bewusst zu machen, dass das Heil allen Menschen bestimmt ist, denn an der Ausgießung des Geistes und dem Gebet in neuen Sprachen konnte Petrus diese Tatsache erst erkennen (10,46) (Roloff 1981: 174). Lukas lässt außerdem durchblicken, dass die Jünger öfter als einmal mit dem Heiligen Geist erfüllt wurden. Viele der Jünger, die in Apg 2,4 anwesend waren, waren auch in 4,31 dabei (Petrus war es bestimmt). An beiden Stellen steht, dass alle die dort waren erfüllt wurden. Dies geschah jedoch immer zu einem bestimmten Grund. In Apg 2,4 kam die lange zuvor prophezeite globale Ausgießung des Heiligen Geistes von Joel 3,1 zur Erfüllung (2,16ff). Alle anwesenden Jünger Jesu erlebten dort ihre erste Erfüllung mit dem Heiligen Geist. Dies war der erste Zeitpunkt zu dem dies überhaupt für alle Christen möglich war. Das in 4,31 erwähnte Geschehen diente zur erneuten Erbauung der anwesenden Jünger. Ihr Gebet galt der Bitte um Kraft und Freimütigkeit für ihren Zeugendienst. Diesen Zweck der Erfüllung mit dem Heiligen Geist bringt Lukas bereits in 1,8 zum Ausdruck. Dort sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen ist; und ihr werdet meine Zeugen sein…“. Die Erfüllung mit dem Heiligen Geist und die Präsenz des Geistes in Christen verbindet Lukas sowohl mit dem Zweck der Kraftausrüstung zum Zeugendienst, als auch mit sichtbaren Auswirkungen. Weissagung und das Gebet in neuen Sprachen (2,4; 10,46; 19,6), das freimütige Reden von Gottes Wort (4,8.31; 6,5-7,56), Wunder und andere Kraftwirkungen (2,4; 4,31; 6,8; 10,38; 11,24; 13,9ff) sind bei Lukas charakteristisch für Christen, die mit dem Heiligen Geist erfüllt sind und in der Kraft des Geistes leben (Pesch 1986: 69.178; Roloff 1981: 23f). [6]

Was den Zweck und die Auswirkungen der Erfüllung eines Christen mit dem Heiligen Geist angeht, können aufgrund der Apg, meiner Meinung nach, folgende Aussagen gemacht werden: Die Erfüllung mit dem Heiligen Geist steht jedem Christen als eine Kraftausrüstung von Gott zur Erbauung und zum Zeugendienst zur Verfügung und ist erkennbar am freimütigen Zeugnis von Jesus. Es gibt für sie immer ein erstes Mal (oft ist es begleitet vom Empfang des Gebets in neuen Sprachen), jedoch steht sie jedem Jünger Jesu zur Erbauung immer wieder offen. Aus diesem Grund kann Lukas mit ihr nicht den Empfang der Zungenrede meinen, denn diese wird nur einmal empfangen. Was Auswirkungen wie z.B. Weissagung oder Zungenrede angeht, so stellt sie Lukas zwar als normale Begleiterscheinungen dar, legt aber keine von diesen als ein absolutes muss fest. Hierbei handelt es sich nach Paulus um Gaben des Geistes, die Gott für alle geisterfüllten Christen bereithält und die ebenfalls der Erbauung und dem Dienst dienen sollen (1Kor 12,4ff.14,1ff).

Daniel Grader, 24.03.2005

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[1] In dieser Arbeit von der Elberfelder Übersetzung ausgehend.

[2] Die Auflistung enthält die Grundformen (Infinitive) aller bei Lukas verwendeten Konjugationen dieser Worte. Im Folgenden wurden verwendet: das Novum Testamentum Graece von K. u. B. Aland (27. Aufl.) und die folgenden Wörterbücher: R. Kassühlke, Kleines Wörterbuch zum Neuen Testament. G. Schneider, Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament. G. Kittel, Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament. H. von Siebenthal, Neuer Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament.

[3] Mit „räumlichen Sinn“ sind hier zusammengefasst sowohl Orte, Dinge als auch Menschen gemeint.

[4] Sinngemäß wäre hier für das Wort εις die Übersetzung: „wegen“ der Vergebung eurer Sünden, angebrachter (vgl.: Übersetzung von εις το κηρυγμα in Lk 11,32).

[5] Dieses erstmalige „erfüllt werden“ ist es wohl, was wir als „Geistestaufe“ bezeichnen.

[6] Verwendete Kommentare:

De Boor, Werner. Die neue Wuppertaler Studienbibel – Die Apostelgeschichte.

Pesch, Rudolf. Evangelisch-katholischer Kommentar zum Neuen Testament – Die Apostelgeschichte. 1. Teilband (Apg 1-12).

Roloff, Jürgen. Die Apostelgeschichte.