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Überblick über die Entwicklung der Schriftauslegung

Das Neue Testament, wie es uns heute zur Verfügung steht, ist zum größten Teil ein Produkt jüdischer Herkunft. Es ist das Ergebnis der Arbeit jener jüdischen (und teilweise griechisch-römischen) Schreiber, die in Christus den in ihren Schriften verheißenen wahren Messias und Erlöser der Menschen erkannten. Für jeden Juden war es, aufgrund seiner Prägung und Kenntnisse des Alten Testaments, möglich den Ausführungen der Apostel zu folgen. Nach dem Beginn der Heidenmission kam jedoch eine neue Herausforderung auf die junge, noch allein aus Juden bestehende Gemeinde zu, die über die Jahrzehnte deutlicher hervortrat. Die Menschen der zunehmend heidnisch geprägten Christenheit hatten aufgrund ihrer nichtjüdischen Wurzeln nicht denselben Zugang zum Alten Testament wie ihn die Juden hatten. Besonders nach Entstehung der neutestamentlichen Schriften und deren regelmäßigen Gebrauch in den Gottesdiensten des ausgehenden ersten Jahrhunderts stellte sich die Frage nach dem Stellenwert des Alten Testaments für Christen nichtjüdischer Herkunft neu. [1]

Die frühe Christenheit stand nun vor der Herausforderung das Alte Testament in einer Art und Weise verstehen und auslegen zu müssen, dass dessen Forderungen auch für Menschen nichtjüdischer Herkunft nachvollziehbar und anwendbar wurden und wie sollte das anders als im Geiste Jesu geschehen? In vielen neutestamentlichen Schriften können wir erkennen, dass es bereits sehr früh Meinungsverschiedenheiten über die Anwendung alttestamentlicher Vorschriften in neutestamentlicher Zeit gab. Das Apostelkonzil von Apg 15 zeigt uns, dass z.B. die Frage nach der Beschneidung ein solcher Zankapfel war. Dass sich Verständnis und Umsetzung des Alten Testaments durch das Wirken Jesu grundlegend verändert haben, ist eine Tatsache, die besonders an der Schriftauslegung der folgenden Jahrhunderte erkennbar ist. Methoden der Auslegung standen im ersten nachchristlichen Jahrhundert bereits in einer Fülle zur Verfügung. Über die Jahrhunderte wurden jedoch viele, der bereits vorhandenen Auslegungsansätze mit Christus als Dreh- und Angelpunkt, weiterentwickelt.
Eine tonangebende Richtung während des gesamten frühen Christentums und des Mittelalters bis zur Reformationszeit stellte die allegorische Schriftauslegung dar. Der Allegorismus war ein Ansatz, der seinen historischen Ursprung im Umgang der Griechen mit ihren eigenen Schriften hatte. Bei ihnen galt es ihr altes religiöses Erbe von Homer [2] und Hesiod [3], welches sehr starken Einfluss hatte und keinesfalls als überholt erklärt werden konnte, mit den neueren Entwicklungen ihrer philosophisch-historischen Tradition in Einklang zu bringen. Da nun ihr Erbe Anschauungen und Überzeugungen aufwies, die mit den modernen Anschauungen und den Prinzipien ihrer Logik einfach nicht zu vereinbaren waren, war man gezwungen das Alte so auszulegen, dass es mit dem Neuen harmonierte. Man lehrte nun, dass die alten Schriften der Dichter nicht wörtlich zu verstehen seien, sondern, dass ihre eigentliche Bedeutung darunter verborgen lag. Diese Methode hatte entscheidenden Einfluss zunächst auf das alexandrinische Judentum. Ihr Problem war dem der Griechen sehr ähnlich, nur dass es sich bei ihnen um ihre Heiligen Schriften und den Einfluss der griechisch-philosophischen Tradition handelte. Um ihren Schriften nicht untreu zu werden und den griechischen Einflüssen ihrer Zeit doch die Türen zu öffnen, bedienten sich auch die Juden der allegorischen Auslegung. Philo von Alexandrien war hier Initiator und eine treibende Kraft.

Auch die Lehrer des frühen Christentums hatten das Anliegen das Alte und das Neue in Einklang zu bringen. Wie wir bereits festgestellt haben, war das Alte Testament die Heilige Schrift der christlichen Kirche. Doch nach Überzeugung vieler Kirchenväter war dasselbe keine jüdische, sondern eine christliche Schrift und in vielen ihrer Phantasie entsprungenen allegorischen Auslegungen begannen sie nun das Evangelium anhand des Alten Testaments zu lehren. Was hier wichtig anzumerken ist, ist dass sich die Kirchenväter keinesfalls darin geirrt haben, dass sich Christus im Alten Testament findet, sondern nur darin, dass es grundlegend eine christliche Schrift sei. Nach ihrer Auffassung wurde ein historisches Fortschreiten der Offenbarung, wonach das den Juden verheißene Heil auch zu den Nationen durchdrang, nahezu gänzlich ignoriert. Die eigentliche Autorität in der allegorischen Schriftauslegung hat nicht die Schrift selbst, sondern ihr Ausleger, der durch seine willkürliche Deutung des Textes jede beliebige Wahrheit betonen kann. [4] Das einzige, was viele Kirchenväter vor dem Verbreiten grober Irrlehren bewahrt hat, war nach B. Ramm ihr grundlegendes Anliegen ihren Glauben an die Wahrheit des Evangeliums zu betonen. Die wörtliche Bedeutung des Textes wurde jedoch nicht völlig ignoriert, sie wurde vielmehr vernachlässigt und von vielen als eine niedrigere oder unreifere Stufe der Interpretation angesehen. Zur tieferen oder eigentlich geistlichen Bedeutung eines Textes gelangte man erst, wenn man über die Vorstufe der wörtlichen Bedeutung hinausgeht. Natürlich entwickelten sich auch verschiedene Ansichten darüber, welche Bedeutungen und wie sie einem Text zu entnehmen waren und in welchem Verhältnis diese zur wörtlichen Bedeutung standen. Sie reichten vom absoluten Ignorieren der buchstäblichen Bedeutung bis zur Ansicht, dass sich beide nicht widersprechen dürfen. Dies weiter zu behandeln ist jedoch nicht Gegenstand dieser Arbeit. Erwähnt sei nur, dass die wichtigsten Vertreter der allegorischen Interpretation aus den Kirchenvätern Clemens von Alexandrien, Origines, Hieronymus und Augustinus waren.

Während die alexandrinischen Juden überwiegend der allegorischen Interpretation anhingen dominierte im palästinischen Judentum das wörtliche oder buchstäbliche Schriftverständnis. Die primäre Bedeutung eines Textes lag hier in der wörtlichen, es sei den die Form eines Satzes oder Ausdrucks würde dies nicht zulassen. Dies wäre z.B. bei einer im Text vorkommenden Metapher oder einer anderen Sprachfigur der Fall. Als Begründer des so genannten Jüdischen Literalismus gilt der erste jüdische Schriftausleger aus nachexilischer Zeit, Esra. Er machte es sich zur Aufgabe seinem Volk die Botschaften der Heiligen Schriften zu lehren und sie hinsichtlich der Gegebenheiten seiner Zeit zu interpretieren (Esr 7,10). Außerdem musste er die inzwischen entstandene sprachliche Barriere vom Hebräischen ins Aramäische überbrücken. Die danach entstandenen Richtungen wörtlicher Schriftauslegung wurden von vielen unterschiedlichen Schulen und Rabbinern geprägt. Das äußerst lobenswerte Anliegen der jüdischen Gelehrten die Heiligen Schriften beim Wort nehmen zu wollen artete jedoch auch in eine weniger erfreuliche Richtung aus. Auf der Grundannahme, dass jeder Buchstabe aus Gottes Wort inspiriert und wichtig sei, entwickelten sich konfuse Interpretationssysteme, die ganze Lehren auf einzelne Worte und Buchstaben aufbauten. Das vermeintlich Geistliche wurde, unter dem Buchstaben vergraben, gesucht. Dem eigentlichen Sinn der zusammenhängenden Texte wurde oft überhaupt keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt.

Wie die allegorische Interpretation der Juden Einfluss auf die Christen in Alexandrien hatte, so hatte auch das buchstäbliche Schriftverständnis Einfluss auf das Christentum in Palästina. Innerhalb der christlichen Gemeinde entwickelten sich nun einige vernünftige buchstäblich-historische Ansätze für die Exegese, die auch in der Reformationszeit wieder zu finden sind. Sowohl der extrem willkürliche Ansatz allegorischer Interpretation als auch die konfusen Auslegungen der buchstabengläubigen Juden galt es zu vermeiden. Die geistliche Bedeutung eines Textes verstand man nun verknüpft mit der buchstäblich-historischen. Die Verbindung zwischen Altem und Neuem Testament wurde überwiegend als christologisch erkannt, was ein grundlegendes Verständnis für eine fortschreitende Offenbarung zeigt. Die Allegorie wurde von vielen verworfen und durch eine weit vernünftigere Typologie ersetzt. B. Ramm schreibt über die buchstäbliche Schule der Victoriner im Mittelalter: „Die buchstäbliche Exegese war die Grundlage für die Glaubenslehre, und die Glaubenslehre war der natürliche Hintergrund für die Allegorisierung“. Dieser Ansatz der Bibelinterpretation existierte wahrscheinlich als „Nebengleis“ durch die gesamte Kirchengeschichte hindurch. Erst mit den Reformatoren gewann die buchstäblich-historische Auslegung größere Bedeutung. Luther und Calvin verwarfen generell die allegorische Interpretation und betonten vor allem die buchstäblich-grammatische Exegese und die Frage, nach dem Anliegen des Autors einer biblischen Schrift. [5] Die wichtigste Vorraussetzung für das Studium der Bibel war für sie jedoch die Geistlichkeit des Auslegers und das vorrangige Ziel in allem Christus zu finden. Auch das Alte Testament wurde auf diese Weise für Luther zu einer christlichen Schrift. Die Prinzipien der Reformatoren wurden richtungsweisend für die gesamte folgende protestantische Interpretation.

Mit der Aufklärung und der Abkehr von allem mystisch-übernatürlichem und der Hinwendung zum menschlichen Verstand traten auch neue Ansätze in der Schriftauslegung zu Tage. Alles was nicht mehr mit dem rationellen Denken in Einklang zu bringen war, wurde notwendiger Weise entweder verleugnet, uminterpretiert oder mythologisiert. [6] Die theologische Bedeutung der Bibel wurde – da sie übernatürlichen Ursprungs ist – nahezu völlig übersehen und durch die Hervorhebung des menschlich-moralischen Aspekts ersetzt. Kant machte diese Seite der Bibel zum Kernstück der Religion. „Sapere aude!“, so lautete schließlich das Motto der Aufklärung (frei übersetzt: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstands zu bedienen!“). Der Inspirationsgedanke wurde verworfen bzw. neu definiert, Offenbarung wurde als rein menschliche Einsicht in religiöse Wahrheiten erklärt und die Texte des Alten und Neuen Testaments ausschließlich historisch und sprachlich untersucht. Form- und Redaktionskritik [7] sind z.B. Kinder dieser Entwicklung. Doch auch innerhalb dieser neuen wissenschaftlich-kritischen Exegese entwickelten sich Gegensätze. K. Barth und R. Bultmann können wohl als zwei der bedeutendsten Vertreter dieser Zeit angesehen werden. K. Barth verstand die wissenschaftlich-kritische Behandlung der Bibeltexte als Vorraussetzung für die spätere theologische Interpretation. Er leugnete nicht, dass die Schrift eine geistliche Dimension hatte an die es zu glauben galt. R. Bultmann hingegen lehnte dies ab. Ihm zufolge könne der moderne Mensch sehr wohl die Existenz und Geschichtlichkeit der biblischen Texte akzeptieren, doch dürfe von ihm nicht verlangt werden die übernatürlichen Inhalte, z.B. der Jungfrauengeburt oder dass Jesus auf dem Wasser ging, zu glauben. Der – durchaus vorhandene – Unterschied zwischen dem, was in der Bibel wörtlich geschrieben steht und dem, was sie damit eigentlich meint, wurde von R. Bultmann derart intensiv betrieben, dass er nahezu das gesamte neue Testament von Mythen und Legenden durchdrungen sah. Was uns ein Autor durch die Verwendung einer bestimmten als mythologisch angesehenen Darstellung zu sagen versucht, galt es herauszufinden. Das Alte Testament wurde zwar richtig als Schrift jüdischen Ursprungs erkannt, durch die Ablehnung einer prophetischen Dimension wurde jedoch der heilsgeschichtliche Zusammenhang zwischen Altem- und Neuem Testament nur sehr eingeschränkt wahrgenommen. Das Ziel moderner, wissenschaftlicher Exegese war jedoch nicht durchgehend den Glauben an die geistliche Wahrheit der biblischen Botschaft zu untergraben, vielmehr war ihr Anliegen das wahre christliche Erbe. Sie war – vor allem für R. Bultmann – ein Mittel der Theologie und dem Glauben auf den Grund zu gehen, um die Substanz des durch die Kirchengeschichte verformten Evangeliums wieder zu entdecken und dasselbe für Menschen zu aktualisieren. [8] Was aber dennoch nicht zu leugnen ist, ist, dass durch ihre Methoden tatsächlich häufig eher glaubensschwächende als -stärkende Ergebnisse vertreten wurden.

Ungeachtet der Methoden kann man sagen, dass der wahre Feind jeder gesunden Schriftauslegung die Voreingenommenheit ist, mit der der Theologe an den Text heran geht. Man könnte sagen, dass die Frage hier nicht lautet, welches Anliegen der Text, sondern welches Ziel der Ausleger hat! Sowohl die Allegorische Interpretation als auch die Methoden moderner wissenschaftlich-kritischer Exegese können dazu gebraucht werden die eigentliche Botschaft der Bibel von der Forderung des Glaubens an den allmächtigen, liebenden und den Menschen zugewandten Gott zu erhellen oder zu verdunkeln. Bleibt nur noch zu sagen, dass die wichtigste Vorraussetzung für ein gesundes und segensreiches Schriftverständniss auch heute noch die grundsätzliche Einstellung des Bibellesers ist, ob er Gott gegenüber offen und suchend oder verschlossen eingestellt ist.

Daniel Grader, 05.09.2007

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[1] Hiermit sind besonders jene „Heiden“ gemeint, die zuvor noch überhaupt keinen Kontakt zur Synagoge und damit zum Alten Testament hatten. Es gab schließlich auch die sogenannten „Gottesfürchtigen“ Heiden, die mit dem jüdischen Glauben und der Synagoge sympathisierten. Kornelius wird uns in Apg 10,2 als ein solcher Heide vorgestellt. Diese waren im Gegensatz zu Proselyten keine vollwertigen Mitglieder der Synagoge, die auch die Beschneidung und die übrigen Aufnahmeprozeduren hinter sich gebracht hatten. Aufgrund ihres Interesses für den jüdischen Glauben hatten „Gottesfürchtige“ jedoch durchaus Kenntnisse in den Schriften. (F.F. Bruce, Basiswissen Neues Testament. 1997: II, 67.80)

[2] War ein am Beginn der antiken griechischen Literatur stehender Dichter. Ihm werden die beiden wichtigsten altgriechischen Epen, der Ilias und der Odyssee und viele weitere zugeschrieben (Encarta Enzyklopädie 2004: „Homer“).

[3] Im Gegensatz zu Homer hat Hesiod, mit seinem Hauptwerk „Werke und Tage“, das im Stil stark von den homerischen Epen beeinflusst ist, als erster griechischer Epiker den mythologischen Bereich verlassen und sich dem Alltagsleben gewidmet. Er gilt als Begründer der griechischen Lehrdichtung (Encarta Enzyklopädie 2004: „Hesiod“).

[4] Dadurch wurde – und wird – sie auch gerne zur Legitimierung allerlei falscher- und Irrlehren verwendet.

[5] Was das Studium des historischen Hintergrunds notwendig macht.

[6] D.h. als Weltanschauung einer bestimmten Gemeinschaft verstanden, die mit übernatürlichen Kräften oder Gottheiten zu tun hat, welche jedoch an einem rationell-wissenschaftlichen Denken gemessen sehr unwahrscheinlich oder sogar absurd wirkt (Wolfgang Schmidbauer, Mythos und Psychologie. 1999: 28).

[7] Die Formkritik (oder -geschichte) untersucht Texte hinsichtlich ihres Formungsprozesses und zieht Schlüsse in Bezug auf Herkunft und Entstehung. Die Redaktionskritik (oder -geschichte) widmet sich ganz dem Autor und untersucht dessen Arbeit näher.

[8] Matthias Stubhann, Der Christus Jesus. 1981: 183.205.277-317. Berndard Ramm, Biblische Hermeneutik. 1991: 37ff.