Im Archiv stöbern:

Gesetzestreue und Gesetzlichkeit

Jeder von uns hat schon mal Sprüche wie „die Ausnahme bestätigt die Regel“ oder „Gesetze sind da, um gebrochen zu werden“ gehört. Und zwar meistens dann, wenn bestehende Regeln verletzt wurden. Vor allem als Teenager wurden Dinge für mich erst richtig interessant, wenn sie nicht erlaubt waren. Auf dem Weg des Erwachsenwerdens erlebt man dann jedoch immer wieder, dass es mit zunehmenden Schwierigkeiten verbunden ist, sollte man an dieser Einstellung festhalten. So musste ich z.B. als junger rebellischer Führerscheinbesitzer immer wieder die Erfahrung machen, dass es nicht empfehlenswert ist 160km/h zu fahren, wo nur 130 erlaubt sind. Sah ich dann oft in meinem Rückspiegel das Blitzlicht des Radars, ärgerte ich mich auch noch. Allerdings nicht darüber, dass ich zu schnell gefahren war, sondern vielmehr darüber, dass da dieser dumme Kasten stand und ich ihn nicht gesehen hatte. Ab und zu hört man sogar, dass Leute dann rechts ran fuhren um zu versuchen ihren Fehler durch rohe Gewalt zu vertuschen.

In vielen Situationen ist es doch oft so: Kommt einem ein Gesetz unsinnig oder übertrieben vor und ist niemand da, der seine Einhaltung überwacht, haben viele Menschen oft kein Problem damit sich darüber hinweg zu setzen, sei es beim Tempolimit auf unseren Straßen, sei es was das Copyright von CD´s oder DVD´s angeht, seien es die ein oder zwei Straßenbahnstationen ohne Ticket, die rote Fußgängerampel oder so manche Angaben in der Steuererklärung…

An einer Tatsache können wir nicht rütteln: Gesetze sollen Orientierung und Schutz geben! Sie wollen in das Miteinander von Menschen einen gerechten und geregelten Ablauf bringen und werden nicht mit der Motivation erlassen uns einzuschränken! Diese wichtige Tatsache galt auch schon als Gott seinem Volk am Berg Sinai das Gesetz gab.

Doch ist es wirklich möglich und erstrebenswert alle Gesetze immer und unter allen Umständen einzuhalten? Auf diese Frage gibt uns das Neue Testament eine äußerst interessante Antwort:  Zunächst bezieht Jesus eine eindeutige Position: „Wahrlich, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen…“ (Mt 5,18f). War Jesus denn gesetzlich? Diese Frage beantwortet sich, wenn wir uns einen Auszug aus seinem Alltag ansehen: Eines Sabbats ging er mit seinen Jüngern durch ein Feld (Mt 12,1-8). Als diese großen Hunger bekamen, begannen sie einige Ähren abzureißen und zu zermahlen und das an dem Tag an dem nach jüdischem Gesetz keinerlei Arbeit verrichtet werden durfte. Von Gelehrten beobachtet, wurde ihr Meister nun mit der Gesetzesübertretung seiner Schüler konfrontiert. Jesus antwortete indem er eine sehr interessante Begebenheit aus dem Alten Testament heranzog: David war auf der Flucht vor Saul. Er kam zu einem Priester in den Tempel und bat diesen in seiner Not um etwas zu essen. Der hatte jedoch nichts bereit außer die Schaubrote im Tempel, die nach dem Gesetz jedoch nur für die Priester bestimmt waren. Dennoch wurden David diese Brote gegeben und so das Gesetz übertreten. Jesus nahm hier nicht nur seine Jünger in Schutz, sondern machte das Gesetz damit auch zu etwas sehr dynamischem! „Wenn ihr begriffen hättet, was das heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer, dann hättet ihr nicht Unschuldige verurteilt“ (Mt 12,7). Freier übersetzt könnte man sagen: „Ich will gelebte Nächstenliebe und nicht religiöse Handlungen“. Menschen und ihren Lebenssituationen gab Jesus absolute Priorität. So gut und wichtig Gesetze auch sein mögen, wenn durch ihre Einhaltung Menschen unnötig leiden müssen ist das nicht Gottes Wille. Dies hat auch Paulus richtig erkannt, wenn er in Röm 13,8-10 schreibt: „Denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt … Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Die Erfüllung des Gesetzes ist also die Liebe“.

Dass sich unser Herr in unterschiedlichen Situationen nicht an einzelne Forderungen des Gesetzes hielt bedeutet nicht, dass er es generell locker mit dem Gesetz nahm. Er hat uns nur ein Vorbild gegeben nachdem auch wir handeln sollen. Gesagt werden soll hier, dass Gott es den Menschen zutraut in ihrem Alltag nach der obersten Regel der Liebe zu Ihm und zu Menschen zu handeln, denn darum geht es ja im Grunde, wenn wir von Gesetzestreue sprechen (Röm 13,10; Gal 5,14).

Daniel Grader, 19.12.2007