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Der Christ und der "Zehnte"?

Im evangelischen Kirchenlexikon ist unter dem Schlagwort „Zehnte“ unter anderem zu lesen: „In vielen Freikirchen […] gehört die freiwillige Geldabgabe des Zehnten vom persönlichen Einkommen zur geistlichen Lebensordnung der Kirchenmitglieder“.

Wenn im Rahmen der Freien Christengemeinde Österreichs vom „Zehnten“ geredet wird, ist in der Regel diese Abgabe von 10% des Einkommens an die Lokalgemeinde zu verstehen. Diese Abgabe bildet die Grundlage für die Finanzierung des Gemeindebetriebes, zu dem grob gesagt die Erhaltungskosten eines Gebäudes, das Gehalt des Pastors, Missionsausgaben und diverse Veranstaltungen gehören.

Als Grundlage für das Lehren dieser Praxis wird angegeben, dass es biblisch sei und auch Jesus den Zehnten nicht aufgehoben habe. Diese Beobachtungen sind grundsätzlich richtig, doch können sie wirklich als Rechtfertigung für die traditionelle Lehre über den Zehnten ausreichen?

Diese Frage ist aufs Engste mit der Frage nach unserem Umgang mit den biblischen Texten verbunden. Was ist verbindlich und was nicht? Was muss als fundamental und unveränderlich gelten und was ist Form (oder kulturbedingt) und veränderbar?

Dass der Zehnte biblisch sei und er für die neutestamentliche Gemeinde zumindest als Vorbild dienen sollte, wird meist am alttestamentlichen Versorgungssystem für den Tempel und der Priesterschaft fest gemacht (z.B.: Num 18; Deut 12). Für konkrete Forderungen an Gläubige müssen dann oft Stellen wie Mal 3,10 herhalten. Der Tatsache, dass diese Praxis nur für das Leben des alttestamentlichen Bundesvolkes im verheißenen Land bestimmt war (Deut 12,1), sollte aber etwas mehr Beachtung geschenkt werden. Weshalb sollte sich Jesus gegen den Zehnten aussprechen, wenn er doch Teil des Volkes war und im verheißenen Land lebte? Doch es gibt weit wichtigere Fragen, die wir uns stellen sollten. Fragen wie: Wenn der Zehnte auch als Lebens- und Versorgungsordnung der Gemeinde gelten sollte, weshalb wird er dann in den neutestamentlichen Briefen, die u.a. ja den Zweck der Regelung des Gemeindelebens hatten, mit keinem (Lehr-)Wort erwähnt? Wäre eine diesbezügliche Belehrung für alle neu hinzugekommenen Heidenchristen nicht notwendig gewesen? Weshalb nimmt man, wenn es um die Versorgung der Gemeinde geht, das alttestamentliche Gesetz als Vorbild und nicht das neutestamentliche Beispiel der Gütergemeinschaft der ersten Gemeinde (Apg 4,34f)? Auch in der weiteren Entwicklung der Gemeinde wurde vielmehr diese Praxis gelehrt:

Sei nicht einer, der zum Nehmen die Hände ausstreckt, zum Geben aber einzieht. […] Du sollst dich nicht abwenden von dem Bedürftigen; du sollst vielmehr alles teilen mit deinem Bruder, und du sollst nicht sagen, etwas sei (dein) Eigentum. Denn wenn ihr Teilhaber seid in den unsterblichen Gütern, um wie viel mehr in den sterblichen Dingen?“ (Didache 4,5.8 – Anfang bis Mitte des 2. Jahrhunderts).

Sollte nicht der Anweisung aus 1.Tim 5,17f, die besagt, dass Älteste welche der Gemeinde in Wort und Lehre dienen besonderes Recht auf Lohn haben, mehr Beachtung geschenkt werden, wenn Belehrung über Spenden und deren Verwendung stattfindet? Hätten die Umsetzungen dieser Vorbilder nicht dieselbe Existenzberechtigung wie die des Zehnten? Oder ist es einfach attraktiver wenn man lehren kann, dass man 90% des Einkommens für sich behalten darf?

Die traditionelle Lehre über den Zehnten im Rahmen der neutestamentlichen Gemeinde steht, wie ich meine, keineswegs auf festem biblischen Grund! Eine gesunde Haltung des Herzens zu Besitz, Geld und Geben und die diesbezügliche Mündigkeit des Einzelnen, in dem der Geist der Liebe wohnt, liegen weit mehr im Interesse des Neuen Testaments (z.B.: Mk 12,41ff; Mt 6,24ff; Lk 12,15ff; 2.Kor 8,12ff; 9,6; 1.Joh 3,17). Diese sollten deshalb auch von uns viel eher gefördert werden als die Lehre einer Regelung, deren Einhaltung Gottes Segen oder Schutz zur Folge hat.

Gott traut uns neutestamentlichen Gläubigen weit mehr zu als nur die Einhaltung von Gesetzen, seien sie auch noch so gut und geistlich. Als ich ein Kind war sagte man mir was ich tun sollte und was nicht, doch als ich erwachsen wurde begann man mir zuzutrauen diese Entscheidungen selbst gut treffen zu können. Gott möchte, dass wir „Erwachsene“ werden. Deshalb sollte jeder Christ lernen auch mit der Freiheit des Gebens verantwortungsvoll und in Kombination mit seiner Beziehung zu Gott und zur Gemeinde umzugehen.

Daniel Grader, 20.10.2009